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Ollanta & der Inka

Ollanta & der Inka - Cuzco in Gefahr

Es gab Hymnen, Legenden, Sagen und kurze Epen, die vom Krieg gegen die Chanca erzählten, von den Taten der Inka Yahuar Huacac und Mayta Capac, Balladen, Gebete und auch dramatische Dichtungen. Nur wenige sind jedoch bekannt. Aber auch diese Bruchstücke zeigen die Macht des Wortes der Dichter Tahuantinsuyus.

Wertvolles der aztekischen Dichtung ist durch den Priester Bernardino de Sahagún übermittelt worden. Altperu kannte jedoch keinen de Sahagún. Das bedeutendste überlieferte Werk der Quechua-Dichtung ist das Drama »Ollantay«. Die Zeit der Entstehung dieses Dramas ist ungewiss. Vermutlich ist der ursprüngliche vorkolumbische Text in den Jahren der spanischen Herrschaft geändert worden, und wahrscheinlich haben auch die Dichter ständig seine revolutionäre Schärfe zugespitzt.

Die Quechuaindianer liebten und lieben das Stück. Das Stück wurde unter den Indianern auch in der Zeit der spanischen Besetzung aufgeführt. Und es ermutigte. Es sagte etwas anderes als die Kirche: »Wenn du im Recht bist, wehre dich! Wehre dich selbst gegen den Mächtigen! Das Recht wird immer siegen. Der Mensch wird siegen und sein Gefühl, nicht die Macht.« Ollantay war ein Beispiel dafür.

Das Schicksal des Dramas war ebenso erregend wie das Schicksal seines Helden. Das Stück war wie alle anderen Inka-Dramen verloren gegangen. Aber das Volk hatte es nicht vergessen. Im Dominikanerkloster in Cuzco wurde sein in Quechua abgefasster Text in jener Fassung gefunden, in der er offenbar zur Zeit der revolutionären Stürme Tupac Amarus II. aufgeführt worden war.

Das Drama, auf das bereits vorher der indianische Autor Salcamayhua hingewiesen hatte, gab der spanische Geistliche Antonio Valdez in der Quechua-Original-Fassung zum ersten Mal im Jahre 1775 im Druck heraus. Schon bald danach wurde es in eine Reihe von Sprachen übersetzt.

Das Drama »Ollantay« lässt sich wohl nur, auch aufgrund seiner literarischen Qualitäten, mit einem anderen Werk der indianischen Dichtung vergleichen, dem ebenso bedeutsamen Quiché-Drama »Popol Vuh«.

Das Quechua-Drama erzählt von dem Heerführer Ollantay, der nicht vom Blut der Inka war. Aber dennoch wagte er etwas, was in Tahuantinsuyu unglaublich war. Er verliebte sich in die Tochter des Inka Pachacuti Yupanqui, die schöne Cusi Coyllur, und sprach zu ihr von seiner Liebe.

Und Cusi Coyllur (»Heller Stern«) wies den Wagemutigen nicht ab, sondern im Gegenteil, sie erwiderte sein Gefühl. Und da ein echtes Gefühl auch das Unmögliche wagt, gestand Ollantay seine Liebe seinem Herrn, dem göttlichen Sohn der Sonne, dem großen Inka Pachacuti:

»Erhabener Inka, Enkel der Sonne. Du weißt, wie treu ich immer zu dir gehalten, dir gedient habe. Für dich habe ich den Feind geschlagen. Mein Name allein schreckt deine Feinde. Für dich habe ich das Hohe Land — Huanansuyu— unterworfen, um deines Ruhmes Willen habe ich das Feuer zu den Chanca im Lande Chinchasuyu getragen. Und ich habe ihren Herrscher, Hanko Hualla, zermalmt bei Yahuar Pampa auf dem blutigen Felde. Für dich habe ich gekämpft. Um deinen Ruhm zu vergrößern. Und du, Inka, hast mich reich belohnt dafür. Einen goldenen Helm hast du auf meinen treuen Kopf gesetzt, du schenktest mir Waffen aus purem Gold. Zum Herrn des Andenlandes hast du mich erhoben. Und fünfmal zehntausend Soldaten gabst du mir. All das lege ich in Demut dir zu Füßen. Mein Land und mein Heer, den goldenen Helm, die Macht und den Ruhm, um die allerhöchste Gnade von dir zu erflehen ...

Gib mir, o Inka, den Hellen Stern! Um deine Tochter — um den Hellen Stern bitte ich dich. Gib mir den Stern, und sein Glanz und sein Leuchten und deine väterliche Huld werden mir Kraft verleihen. Gib mir Cusi Coyllur, o Inka, und treuer als je zuvor werde ich zu dir stehen. Und wenn es sein muss, opfere ich freudig auch mein Leben für dein Reich, Inka ...

Pachacuti: Weißt du, wer du bist? (zornentbrannt) ... Du bist ein gewöhnlicher, ein einfacher Mensch — du bist mein Untertan — weniger als ein Mensch bist du. So ist der Lauf der Welt. Jeder muss an dem Platz stehen, an den der Inka ihn gestellt hat. Du bist kein Mensch, Ollantay — du bist ein Untertan. Und allzu hoch hast du in deinem Stolz gegriffen.

Ollantay: So durchbohre denn lieber mein Herz ...

Pachacuti: Nicht du, Ollantay, ich selbst entscheide, was mit dir geschieht. Du hast, Ollantay, deine Bitte nicht bedacht. Geh. Auf der Stelle! Geh mir aus den Augen ...«

Und Ollantay geht wirklich zu seinen Soldaten in das »Hohe Land« zurück. Und rüstet sich zum Kampf. Cusi Coyllur gebiert indessen in Cuzco ein Mädchen, dem sie den Namen Yma Sumac gibt. Der erzürnte Inka sperrt beide, die Mutter und das Neugeborene, in das »Kloster der Sonnenjungfrauen«. Aber er trennt sie voneinander. Und so wächst Yma Sumac in dem Kloster allein an der Seite ihrer Gefährtin Pitu Salla auf.

Der Inka will Rache nehmen und rüstet ebenso wie Ollantay ein Heer aus, das der Feldherr Raminahui befehligen soll. Ollantay vernichtet in der ersten Schlacht das Heer des Inka, Raminahui selbst kann entkommen.

Monate und Jahre vergehen. Raminahui kehrt zurück. Durch eine List bemächtigt er sich seines Widersachers und bringt ihn nach Cuzco. Zu jener Zeit erkennen einander in Cuzco, im »Kloster der Sonnenjungfrauen«, Mutter und Tochter — Cusi Coyllur und Yma Sumac.

Zur gleichen Zeit stirbt der alte Pachacuti plötzlich, und Tupac Inka Yupanqui übernimmt die Herrschaft. Dieser soll den gefangenen Ollantay bestrafen. Als jedoch der neue Inka erfährt, dass seine Schwester wegen ihrer Liebe zu Ollantay schon über zehn Jahre im »Kloster der Sonnenjungfrauen« gefangen gehalten wird und als er auch Yma Sumac, die Tochter seiner Schwester und Ollantays, kennenlernt, bestraft er Ollantay für die Auflehnung gegen seinen Vater nicht mit dem Tode, sondern ...

Tupac Yupanqui: »Genug nun. Nehmt ihm die Fesseln ab. Und du, Ollantay, steh auf und komm zu mir. Wenn du willst - kannst du fliehen. Du bist frei wie ein Lama in den Anden. Ich möchte, dass du die Stärke meines Herzens erkennst: Ich erhebe dich höher, als dich mein Vater erhoben hat. Du warst Heerführer und Herr in Antisuyu. Nunmehr ernenne ich dich zu meinem Stellvertreter, zum Stellvertreter des Inka. Du wirst nicht in Tambo leben. Hier in Cuzco sollst du dich niederlassen und neben mir auf dem Throne sitzen ...«


Die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Bewohner Tahuantinsuyus (so der Name des Landes der Inka) zweifellos keine Schrift kannte und keine Bücher schrieb, hat die Entwicklung der Quechua-Dichtung jedoch nicht behindert.
 
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